Posts Tagged ‘Tesla’

Wie am Gummiband. Aber es hört nicht auf.

Thursday, July 24th, 2014

Als ich Anfang Juni auf der Auto Mobil International in Leipzig war, war einer meiner ersten Anlaufpunkte der Stand von Tesla. Erwartungsgemäß war es nicht mehr möglich eine Probefahrt im Model S zu ergattern, aber die nette Dame am Stand drückte mir ein iPad in die Hand und meinte ich könne mich registrieren um benachrichtigt zu werden, wenn in meiner Gegend Probefahrten angeboten werden. Ich glaubte zwar nicht, dass die Angestellten bei Tesla ihre Zeit auf jemanden verschwenden, der ganz offensichtlich keine 70k€ in seinem Sparschwein stecken hat, aber ich habe mich dennoch angemeldet.

Vor zwei Wochen bekam ich dann eine E-Mail in der ich um Rücksprache zur Terminfindung gebeten wurde. Eine E-Mail und ein Telefonat später hatte ich einen Termin zur Probefahrt für den heutigen Tag. Also fuhr ich heute mit einem Freund nach Hamburg Langenhorn und rechnete so halb damit, dass sie uns Studententypen mit Nerdshirts und Shorts sofort wieder wegschicken. Nachdem das nicht geschah gaben wir – wiederum auf einem iPad – unsere Personalien inklusive Führerscheinnummer ab und uns wurde kurz an einem Chassis gezeigt wo die wichtigen Komponenten sind. Der Motor ist hinten und treibt das Differential direkt an, die Batterien füllen den Unterboden zwischen den Rädern aus und wiegen etwa 600kg. Vorne sind noch ein paar Nebenaggregate wie der Klimakompressor sowie eine 12V Batterie.

Als Probefahrzeug bekamen wir die ganz teuere Version P85, welche sich durch ein paar Abstimmungsparameter und Austattungsmerkmale von den anderen beiden Versionen (60 und 85) unterscheidet. Laut der netten Dame die uns auf der Probefahrt begleitet hat, sind die Leistungsdaten der Antriebseinheit des P85 und des 85 ohne “P” identisch. Die Teslawebseite hingegen sagt, dass die Version mit “P” 310kW statt 270kW Motorleistung und 600Nm statt 440Nm Drehmoment mitbringt.

Im Auto drinnen findet man zunächst einmal den inzwischen hinlänglich bekannten 17 Zoll Touchscreen als einziges Bedienelement in der Mittelkonsole. Während dieser auf der AMI noch einen durchgehend flüssigen Eindruck gemacht hat, bemerkte ich dieses Mal die eine oder andere Denkpause beim Wechsel zwischen den Bedienebenen. Nicht sehr lang, aber unter Umständen gerade lang genug um zu nerven. Wie sehr das stört, müsste man im Alltag testen. Als nächstes fällt auf, dass da, wo bei Autos mit Verbrennungsmotor der Mitteltunnel ist, beim Model S vorne eine große Ablagefläche ist, in die man locker einen Straßenatlas legen könnte. Falls man mal vergessen sollte, dass das Auto einen 17 Zoll Bildschirm mit Kartenanzeige hat. Hinten hat man einen von links nach rechts durchgehend ebenen Fußboden.

Das erste Stück wurden wir gefahren. Aber schon dieser erste Kilometer hatte es in sich. Daran, dass das Auto nahezu keine autotypischen Geräusche von sich gibt, gewöhnt man sich relativ schnell. Aber der Moment in dem unsere Begleiterin unangekündigt voll auf’s “Gas”pedal trat war komplett surreal. Ich fühlte mich wie ein Wurfgleiter, der von einem Gummiband in die Luft katapultiert wird. Nur dass das Gummiband nicht nach ein paar Zehntelsekunden aufhörte seine Wirkung zu entfalten. Visuell fühlte ich mich an alte 3D-Weltraumspiele erinnert, in denen die Umgebung linear schneller werdend einem einem vorbeizieht solange man auf die Taste für’s Beschleunigen drückt. Ein (Verkehrs-) Flugzeugstart ist nichts dagegen.

Als ich am Steuer saß und behutsam losfuhr, fühlte es sich zunächst mal wie gewohnt an. Das GasStrompedal verhielt sich ganz wie erwartet. Doch dieser Zustand dauerte nur bis zur ersten Ampel an. Dann nämlich nahm ich den Fuß vom Pedal und das Auto bremste unerwartet stark. Wie es sich für ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug gehört, läd der Tesla seine Batterie wenn man vom Gas geht. Wie stark er das tut kann man auf dem Touchscreen einstellen, wir hatten die aggressivere von beiden Einstellungen gewählt. Doch auch die weniger starke Einstellung bremste deutlich mehr als man das von einer Motorbremse beim Verbrennungsmotor gewohnt ist. Diese starke Motorbremse führt zu etwas, was Tesla “Einpedalfahren” (One Pedal Driving) nennt: Gewissermaßen gibt es im vorderen Teil des Strompedalweges einen Bereich, der eigentlich kein Beschleunigungs- sondern ein Bremspedal ist – nur umgekehrt. Je weiter man vom Pedal geht, desto mehr wird gebremst. Freundlicherweise zeigt einem die Anzeige im Amaturenbrett an, ob gerade Energie rekuperiert wird, oder ob sie gerade in kinetische Energie umgewandelt wird (um mal die physikalisch korrektere Formulierung zu verwenden (jaja, Wärme ist auch dabei – Klugscheißer!)). Nach kurzer Zeit hat man raus, wie man damit umzugehen hat und kann auf das Bremspedal fast vollständig verzichten.

Im normalen Stadtverkehr ist das Model S ein sehr entspanntes Fahrzeug; leise, unaufgeregt, bequem. Aber wenn man dann doch einmal eine freie Landstraße vor sich hat und auf Spaß aus ist, dann kommt man in absurd wenigen Sekunden an die Grenzen des Legalen. Aber der Weg dahin ist mit einem fetten Grinsen verziert.

Nach einem weiteren Fahrerwechsel saß ich hinten und musste leider feststellen, dass ich mit meinen etwas über 1,80m ein klein wenig zu groß bin. Aufrecht sitzen konnte ich zwar, aber beim Zurücklehnen stieß ich mit meinem Kopf an der hinter mir befindlichen Einfassung des Glasdachs an. Schade.

Sicherlich hätte man uns länger fahren lassen, wenn wir nach Geld ausgesehen hätten. Aber verglichen damit, wie demonstrativ man als Mittzwanziger auf Gebrauchtwagensuche bei Markenautohäusern ignoriert wird, ist es doch sehr angenehm, wenn sich eine Automarke so offen gibt. Und wer weiß, vielleicht habe ich in ein paar Jahren das Geld für ein Modell 3.